Früh digital - zu früh? 

(Essay von Sascha Burkard)



Über Sinn, Grenzen und Verantwortung digitaler Medien in der frühen Bildung


Tablets im Kindergarten, Lern-Apps in der Grundschule – was vor wenigen Jahren noch Ausnahme war, wird zunehmend zur Normalität. Doch ist „früh digital“ pädagogisch sinnvoll oder schlicht zu früh?

Digitale Medien gehören heute selbstverständlich zum Alltag – auch zum Alltag von Kindern. Tablets, Smartphones und digitale Anwendungen sind aus dem Familienleben kaum noch wegzudenken und prägen bereits früh kindliche Erfahrungswelten. Damit stellt sich für Eltern, pädagogische Fachkräfte und Bildungseinrichtungen eine zentrale Frage:

Welche Rolle sollen digitale Medien in der frühen Bildung tatsächlich spielen? 



Einerseits sollen Kinder auf eine zunehmend digitalisierte Welt vorbereitet werden. Medienkompetenz gilt als wichtige Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe, frühe Bildung als Fundament späterer Lern- und Entwicklungsprozesse. 

Andererseits mehren sich Hinweise aus Forschung und Praxis, dass ein früher oder intensiver Umgang mit digitalen Medien im frühen Kindesalter wiederholt mit erhöhten Risiken assoziiert ist – insbesondere im Hinblick auf Aufmerksamkeit, Sprachentwicklung, motorische Aktivität, Gesundheit und soziale Interaktion.¹ 


Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich die aktuelle Debatte um Digitalisierung in Kitas und Grundschulen. Die entscheidende Frage lautet dabei nicht, ob digitale Medien grundsätzlich gut oder schlecht sind, sondern wann, wie und mit welchem pädagogischen Mehrwert ihr Einsatz sinnvoll und verantwortbar ist. 


Digitalisierung in der Grundschule – zwischen Anspruch und Zurückhaltung 

In der Grundschule sind digitale Medien inzwischen fester Bestandteil des Schulalltags, werden jedoch meist ergänzend eingesetzt. Forschung und Praxis zeigen, dass Tablets und Lern-Apps vor allem dann sinnvoll sein können, wenn sie gezielt eingesetzt werden und analoge Lernformen nicht ersetzen; für sich genommen garantieren digitale Medien jedoch keine verlässlichen Lernvorteile.²   

Vor allem im Anfangsunterricht, in dem grundlegende Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen sowie soziale Kompetenzen aufgebaut werden, erscheint Zurückhaltung gegenüber Lernsettings angebracht, die zusätzliche Steuerungs-, Auswahl- oder Verarbeitungsanforderungen an Lernanfänger*innen stellen.³ 

 
Digitale Medien entfalten ihr pädagogisches Potenzial vor allem dann, wenn sie auf bereits entwickelten grundlegenden Fähigkeiten aufbauen. 

Vor diesem Hintergrund sollten Konzepte einer weitgehenden oder durchgängigen Digitalisierung des Unterrichts in der Grundschule als Organisations- und Unterrichtsmodelle fachlich kritisch geprüft werden – insbesondere dann, wenn digitale Endgeräte als zentrales Arbeitsmittel vorgesehen sind.

In der Grundschule sollte nicht die Gewöhnung an Technik im Vordergrund, sondern der Aufbau jener Denk- und Lernkompetenzen, die für einen späteren sinnvollen Umgang mit digitalen Werkzeugen erforderlich sind.

Lernwirksamkeit hängt dabei weniger vom eingesetzten Medium als von der Art der kognitiven Auseinandersetzung ab.
Lernpsychologisch besonders wirksam sind sogenannte generative Lernprozesse, bei denen Kinder Inhalte aktiv weiterverarbeiten, erklären und mit Vorwissen verknüpfen.⁴

Digitale Medien können solche Prozesse unterstützen, etwa beim Erstellen eigener Erklärvideos oder Präsentationen. Viele digitale Anwendungen verbleiben jedoch auf einer konsumierenden Ebene und fördern vor allem Motivation und Beschäftigung, ohne zwingend zu tieferem Verstehen zu führen. 

Diese Kritik richtet sich nicht gegen spielerisches Lernen an sich, sondern gegen Formen der Gamification, bei denen Motivation primär über äußere Anreize erzeugt wird, ohne in aktive, selbstwirksame Lernprozesse eingebettet zu sein.

In der Diskussion um den Einsatz digitaler Lern-Apps wird häufig auf deren motivierende Wirkung verwiesen. Tatsächlich können viele Anwendungen durch spielerische Elemente, unmittelbares Feedback oder Belohnungssysteme kurzfristig Interesse und Aufmerksamkeit der Kinder erhöhen. Aus hoher Motivation lässt sich jedoch nicht automatisch auf Lernwirksamkeit oder Nachhaltigkeit schließen.

Damit stellt sich auch die Frage, welches Lernverständnis durch den zunehmenden Rückgriff auf spielbasierte Motivationskonzepte transportiert wird.

Gerade Kinder im Grundschulalter bringen häufig eine ausgeprägte Bereitschaft zum Lernen, Erkunden und Verstehen mit, deren pädagogische Weiterentwicklung zum Kern schulischer Bildungsarbeit gehört. 

Wird Lernen dauerhaft und überwiegend über Belohnungs- und Spielmechaniken organisiert, besteht das Risiko, dass intrinsische Motivation nicht nachhaltig entwickelt wird oder an Bedeutung verliert.
Zudem kann Lernbereitschaft stärker an äußere Anreize gebunden werden, sodass anstrengendere, für nachhaltiges Lernen zentrale Lernformen weniger attraktiv erscheinen. 

Im familiären Umfeld mögen spielbasierte Formate sinnvoll ergänzen; im schulischen Kontext verschieben sie als dominierendes Prinzip den Fokus von nachhaltigem Lernen hin zu kurzfristiger Motivation.  

Wie bereits erwähnt sind für langfristiges Lernen weniger motivationale Effekte als vielmehr die Tiefe der kognitiven Auseinandersetzung entscheidend. 

In einer Welt, die von zunehmender Dynamik gesellschaftlicher und technologischer Veränderungen geprägt ist, gelten Kompetenzen wie lebenslanges Lernen, kritisches Denken, Kreativität und Problemlösefähigkeit als zentrale Schlüsselkompetenzen. Gerade diese setzen jedoch aktive, vertiefte Lernprozesse voraus und lassen sich nicht durch überwiegend konsumierende Mediennutzung entwickeln. 

Daraus folgt, dass sich digitale Medien in der Grundschule pädagogisch in erster Linie dort rechtfertigen, wo sie als Werkzeuge des Denkens und Gestaltens eingesetzt werden – nicht dort, wo sie primär Aufmerksamkeit binden oder Beschäftigung simulieren. 

In der Debatte um Digitalisierung wird dabei häufig nicht klar zwischen technischer Ausstattung und Medienbildung unterschieden. Fragen nach Fake News, Datenschutz oder sozialen Netzwerken sind zweifellos wichtig – sie setzen jedoch nicht zwangsläufig einen frühen oder intensiven Einsatz digitaler Geräte voraus. Medienkritische Kompetenzen lassen sich auch ohne permanente Bildschirmnutzung anbahnen und entwickeln. 

Die Grundschule kann ein geeigneter Ort für einen behutsamen Einstieg in Medienbildung sein – jedoch nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung grundlegender Lern- und Entwicklungsprozesse.


Und die Kita? Eine besonders sensible Phase

Wenn in der Grundschule in vielen fachlichen Debatten ein eher zurückhaltender, ergänzender Einsatz digitaler Medien betont wird, stellt sich umso dringlicher die Frage, wie sinnvoll eine zunehmende Digitalisierung bereits im Kindergartenalter ist. 

Die Forschung zur Nutzung digitaler Medien in Kitas liefert bislang kein einheitliches Bild. Es existieren Hinweise auf mögliche Lernanlässe, zugleich aber auch auf Risiken. Vor allem fehlen langfristige Studien, die belastbare Aussagen über Auswirkungen auf Entwicklungsverläufe erlauben. Frühkindliche Bildung ist jedoch eine besonders sensible Phase, in der grundlegende Fähigkeiten angelegt werden – Veränderungen sollten hier mit besonderer Sorgfalt geprüft werden.

Politisch ist die Richtung dennoch klar: Digitale Medien sollen früh eingeführt, Kitas technisch ausgestattet und Fachkräfte qualifiziert werden. Diese Zielsetzung ist nachvollziehbar, steht jedoch in einem Spannungsverhältnis zur derzeit noch begrenzten wissenschaftlichen Evidenz.

Vorbereitung auf die digitale Welt – aber zu welchem Preis?

Ein häufig vorgebrachtes Argument für frühe Digitalisierung ist das Lebensweltargument: Kinder wachsen in einer digitalen Welt auf, also müsse Medienbildung möglichst früh beginnen. Daraus folgt jedoch nicht zwangsläufig, dass digitale Geräte selbst fester Bestandteil des Kita-Alltags sein müssen. 

Das häufig bemühte Lebensweltargument verkennt dabei einen entscheidenden Unterschied: Dass Kinder mit digitalen Medien aufwachsen, bedeutet nicht automatisch, dass jede Bildungsinstitution diese Entwicklung aktiv verstärken muss. Pädagogik erschöpft sich nicht darin, bestehende Lebenswelten zu spiegeln – sie hat immer auch die Aufgabe, zu ergänzen, zu korrigieren und bewusst Gegenräume zu schaffen.

Gerade weil viele Kinder bereits zu Hause früh und intensiv mit Bildschirmmedien in Kontakt kommen, kann die Kita auch bewusst einen Gegenpol darstellen – einen Raum für Erfahrungen, die zunehmend seltener werden: freies Spiel, Bewegung, unmittelbare soziale Interaktion und sinnliche Erkundung der Welt.

Wenn digitale Medien vor allem im familiären Alltag genutzt werden, ist zu fragen, ob der wirksamste Ansatz früher Medienbildung tatsächlich im verstärkten Geräteeinsatz in der Kita liegt. Eine naheliegende Alternative könnte darin bestehen, den Fokus stärker auf die Zusammenarbeit mit Eltern zu legen.  Verbindliche Elternabende zur Medienerziehung – etwa zu Bildschirmzeit, Inhalten, Vorbildverhalten sowie unter Einbezug externer Fachpersonen – dürften hier einen größeren präventiven Effekt entfalten als zusätzliche digitale Angebote im Kita-Alltag. 

Auch das Zukunftsargument greift im Vorschulalter nur eingeschränkt. Zwar ist unstrittig, dass Kinder auf eine zunehmend digitalisierte Welt vorbereitet werden müssen; anders als Sprache oder Motorik sind jedoch grundlegende digitale Kompetenzen – insbesondere der Umgang mit digitalen Geräten – nicht an sensible Zeitfenster gebunden.⁵  

Die Bedienung digitaler Technologien ist vergleichsweise leicht erlernbar und kann auch später problemlos erworben werden, ohne dass Kindern dadurch nachhaltige Nachteile entstehen. 


Bildschirmzeit, Gesundheit und Entwicklung

Empfehlungen zur Bildschirmzeit mahnen zur Zurückhaltung. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt für Kinder im Alter von zwei bis fünf Jahren maximal eine Stunde Bildschirmzeit täglich.⁶   
Werden digitale Medien zusätzlich in der Kita genutzt, erhöht sich diese Belastung weiter. 

Entscheidend ist dabei nicht nur die Dauer, sondern auch die Art der Nutzung und die Begleitung durch Erwachsene. Ein früher und intensiver Medienkonsum kann mit Herausforderungen für Aufmerksamkeit, Selbstregulation und Impulskontrolle einhergehen und das Risiko problematischer oder suchtähnlicher Nutzungsmuster erhöhen. 

Aus suchtmedizinischer und kinder- und jugendpsychiatrischer Perspektive wird diese Zurückhaltung ausdrücklich unterstützt. Die Gemeinsame Suchtkommission der kinder- und jugendpsychiatrischen Fachgesellschaften empfiehlt, dass Kinder bis zum Schulbeginn nur analog lernen und spielen sollen, schließt dabei jedoch eine alters-angemessene, kindgerechte Vermittlung grundlegender Medienkenntnisse nicht aus.⁸    

Studien zeigen Zusammenhänge zwischen hohem Bildschirmkonsum und Risiken für Aufmerksamkeit, Schlaf, Bewegung sowie die augenärztliche Gesundheit, etwa eine Zunahme von Kurzsichtigkeit durch langes Fokussieren auf kurze Distanzen.⁷ 
Auch wenn Kausalitäten nicht immer eindeutig sind, sprechen diese Befunde für ein vorsichtiges Vorgehen. 

Während für Sprache, Bewegung und soziale Interaktion sensible Entwicklungsphasen gut belegt sind, gilt dies für digitale Medien nicht. Ein späterer Einstieg stellt daher kein Entwicklungsrisiko dar.  Punktuelle digitale Hilfsmittel, etwa zur Unterstützung einzelner Tätigkeiten (z. B. eine digitale Lupe) oder besonderer Bedürfnisse, stehen nicht im Fokus dieser Kritik. 


Was verdrängt wird, zählt mit

Frühkindliche Bildung lebt von konkreten, körperlich-sinnlichen Erfahrungen. Freies Spiel, Bewegung, gemeinsames Singen, Basteln, Rollenspiele und dialogische Sprachsituationen fördern Motorik, Selbstregulation, soziale Kompetenzen und Denken gleichermaßen.


Zeit und Aufmerksamkeit sind jedoch begrenzte Ressourcen. Wird ein Teil davon für digitale Medien reserviert, steht er für andere, entwicklungsrelevante Tätigkeiten nicht mehr zur Verfügung. Die pädagogisch zentrale Frage lautet daher nicht nur, was digitale Medien ermöglichen, sondern auch, was sie im Alltag der Kinder ersetzen oder an den Rand drängen.

Auch dort, wo digitale Medien nicht primär konsumierend, sondern als Werkzeuge zur Dokumentation, zum Erzählen oder zur gemeinsamen Reflexion eingesetzt werden, stellt sich nicht in erster Linie eine Verdrängungs-, sondern eine Begründungsfrage.

Zwar können Fotos, Audioaufnahmen oder kurze Videos Anlass für Gespräche und Rückblicke bieten; sie begründen jedoch keine pädagogische Notwendigkeit. Zentrale generative Lernprozesse – Erzählen, Erinnern, Reflektieren, gemeinsames Deuten von Erfahrungen – lassen sich im frühkindlichen Bereich ebenso zuverlässig ohne digitale Medien anbahnen.

Entscheidend ist daher nicht die prinzipielle Möglichkeit eines sinnvollen Einsatzes, sondern dessen entwicklungsbezogene Priorität.  

Wenn digitale Medien keinen klaren, altersbezogenen Mehrwert bieten, zugleich aber pädagogische Zeit für Auswahl, Vorbereitung, Begleitung und Nachbereitung beanspruchen, pädagogische Aufmerksamkeit binden und zusätzlichen organisatorischen Aufwand erfordern, stellt sich die Frage, ob ihre regelmäßige Integration in den Kita-Alltag pädagogisch gut zu begründen ist. 

Diese Prioritätensetzung lässt sich auch lernpsychologisch begründen: Ein zentraler Aspekt von Lernen besteht darin, zwischen relevanten und irrelevanten Informationen zu unterscheiden, um begrenzte kognitive Ressourcen gezielt auf die Verarbeitung bedeutsamer Inhalte zu konzentrieren. 

Diese Fähigkeit gewinnt in einer Umwelt zunehmender Reizdichte besondere Bedeutung. Kinder in unserer Kultur wachsen heute häufig weniger mit einem Mangel als mit einem Überangebot an Reizen und Informationen auf. Nicht alles, was prinzipiell lernbar ist, ist daher auch entwicklungsförderlich oder pädagogisch sinnvoll.⁹ 


Feinmotorik und Lernen mit dem Körper

Aus der schulischen Praxis lässt sich beobachten, dass viele Kinder beim Schuleintritt zunehmend Schwierigkeiten im feinmotorischen Bereich zeigen. Stifthaltung, Schneiden oder präzises Malen bereiten immer häufiger Mühe.

Digitale Oberflächen verlangen vor allem Wisch- und Tippbewegungen. Sie bieten kaum Widerstand, wenig sensorische Rückmeldung und nur geringe Anforderungen an Kraftdosierung oder Präzision.¹⁰    

Analoge Tätigkeiten hingegen – Zeichnen, Basteln, Bauen – liefern genau jene Erfahrungen, die für die Entwicklung der Handmotorik und später für das Schreibenlernen entscheidend sind.

Digitale Anwendungen können diese Erfahrungen nicht ersetzen. Sie fördern vor allem die Anpassung an technische Systeme, nicht jedoch die körperlich-sensorische Auseinandersetzung mit der Welt.


Sprache, Beziehung und Lernen

Häufig wird argumentiert, digitale Medien könnten zur Sprach- oder Lernförderung beitragen. Dabei wird leicht übersehen, dass frühkindliches Lernen in erster Linie Beziehungslernen ist.

Sprache entwickelt sich vor allem in direkter Interaktion – im Gespräch, im gemeinsamen Handeln, über Mimik, Gestik und emotionale Resonanz. Digitale Anwendungen können einzelne Übungen anbieten, ersetzen jedoch keine dialogische Kommunikation. Ähnliches gilt für mathematische Lernprozesse, die im frühen Alter stark vom handelnden Begreifen abhängen.

Digitale Medien können diese Lernprozesse allenfalls ergänzen, nicht tragen.  Einzelne Studien zeigen zum Beispiel, dass digitale Bilderbuchangebote bei dialogischer Begleitung sprachförderliche Effekte haben können, etwa im Bereich des Wortschatzes oder des Sprachverständnisses. Besonders bei mehrsprachigen Kindern können Audio- und Bildunterstützungen den Zugang zu Inhalten erleichtern.¹¹    

Entscheidend ist jedoch, dass diese Effekte nicht über jene hinausgehen, die mit analogen Bilderbüchern und sprachlich anregenden Interaktionen erzielt werden. Der pädagogische Mehrwert liegt damit nicht im digitalen Medium selbst, sondern in der Qualität der begleitenden Beziehung und Kommunikation. 


Soziale Ungleichheit – ein oft übersehener Aspekt

 Ein weiterer Punkt verdient Beachtung: Digitalisierung gleicht soziale Ungleichheiten nicht automatisch aus. Kinder aus bildungsnahen Haushalten profitieren in der Regel auch ohne frühe digitale Förderung, während Kinder aus belasteten Lebenslagen vor allem auf stabile Beziehungen, kontinuierliche sprachliche Anregung, Bewegung und verlässliche pädagogische Begleitung angewiesen sind. 

Diese zentralen Entwicklungsbedingungen lassen sich durch digitale Medien nicht ersetzen. Zugleich weisen Forschungsergebnisse darauf hin, dass digitale Lernangebote insbesondere von Kindern mit günstigen sprachlichen, kognitiven und selbstregulativen Voraussetzungen effektiver genutzt werden. Ohne gezielte pädagogische Begleitung, die unter den Bedingungen begrenzter zeitlicher und personeller Ressourcen im pädagogischen Alltag nicht durchgängig gewährleistet werden kann, besteht daher die Gefahr, dass digitale Angebote bestehende Bildungsunterschiede nicht nur fortschreiben, sondern weiter verstärken.
 

Belastung der Fachkräfte und Kostenfrage

Neben pädagogischen Fragen sind auch strukturelle Aspekte zu berücksichtigen. Digitale Medien bedeuten zusätzlichen Aufwand – etwa bei der Auswahl geeigneter Anwendungen, technischer Wartung, Datenschutz und Fortbildungen. Ohne kontinuierliche Unterstützung kann dies pädagogische Fachkräfte überfordern. 


Zugleich wirken neben pädagogischen und politischen Motiven auch wirtschaftliche Interessen. Digitale Bildungsangebote sind Teil eines wachsenden Marktes, in dem technische Lösungen leicht als Fortschritt präsentiert werden. Diese Logik folgt jedoch anderen Maßstäben als frühkindliche Bildung: Was sich gut vermarkten lässt, ist nicht zwangsläufig das, was Kinder in ihrer Entwicklung wirklich brauchen. 


Hinzu kommen erhebliche Anschaffungs- und Folgekosten. Wenn digitale Medien im Kita-Alltag ohnehin nur sehr begrenzt eingesetzt werden sollen, stellt sich die Frage, ob Investitionen in zusätzliches Personal und gezielte Sprachförderung nicht nachhaltiger wären. 



Ein begründetes Fazit

Digitale Medien sind Teil unserer Welt – und sie haben ihren Platz in der Bildung. In der Grundschule, behutsam eingesetzt, können sie einen Beitrag zur Medienbildung leisten. Für den Kita-Bereich hingegen spricht vieles dafür, Zurückhaltung zu üben.


Dies ist keine Ablehnung von Digitalisierung, sondern ein Plädoyer für pädagogische Prioritäten.  Solange die Studienlage uneindeutig ist, Fachkräfte fehlen und zentrale Entwicklungsbereiche wie Sprache, Bewegung und soziale Interaktion ohnehin unter Druck stehen, lässt sich ein digitalfreier oder stark reduzierter Kita-Alltag fachlich gut begründen.  Dass insbesondere der Sprachstand vieler Kinder bereits vor Schuleintritt seit Jahren Anlass zu großer Sorge gibt, unterstreicht die Notwendigkeit klarer pädagogischer Schwerpunktsetzungen in der frühen Bildung.

Zurückhaltung ist hier kein Mangel an Fortschritt, sondern Ausdruck professioneller Verantwortung. Auch die UNESCO warnt vor einem unreflektierten Einsatz digitaler Medien in der frühen Bildung.¹²   
Während in der Medienpädagogik häufig betont wird, dass es vor allem auf das „Wie“ ankomme, legen entwicklungspsychologische und gesundheitsbezogene Perspektiven nahe, die Fragen nach dem „Ob“ und dem „Wann“ nicht vollständig auszuklammern. 


Frühe Kindheit ist keine Vorstufe späterer Effizienz, sondern eine eigenständige, wertvolle Lebensphase. Sie verdient Bildungsräume, die Zeit lassen – für Spiel, Beziehung, Bewegung und echte Erfahrungen.



Quellen und weiterführende Hinweise 


  • (1), (7) American Academy of Pediatrics: Stellungnahmen und evidenzbasierte Empfehlungen zur Mediennutzung im frühen Kindesalter. Die AAP weist darauf hin, dass ein früher oder intensiver Umgang mit Bildschirmmedien mit Risiken für Aufmerksamkeit, Sprachentwicklung, soziale Interaktion und Gesundheit verbunden sein kann und betont die Bedeutung altersangemessener, begleiteter Nutzung

 

  • (2) OECD: Internationale Bildungsberichte und Studien zur Digitalisierung von Schule und Unterricht. Die OECD zeigt, dass digitaler Technologieeinsatz nicht automatisch bessere Lernergebnisse bringt, sondern maßgeblich von pädagogischer Gestaltung und didaktischer Integration abhängt; alleiniger Zugang zur Technik reicht nicht aus, um Lernvorteile zu garantieren und 
  • Kirschner, Paul A. zeigt, dass Lernwirksamkeit nicht vom Medium selbst, sondern von der instruktionalen Gestaltung und der Tiefe der kognitiven Verarbeitung abhängt („learning is not caused by technology“). 


  • (3) Kirschner, P. A., Sweller, J. & Clark, R. E. (2006). Why minimal guidance during instruction does not work. Educational Psychologist, 41(2), 75–86. Die Autoren zeigen auf Grundlage der Cognitive-Load-Theory, dass Lernanfänger*innen ohne ausreichend automatisierte Wissensstrukturen durch komplexe, wenig angeleitete Lernumgebungen kognitiv überlastet werden und insbesondere in frühen Lernphasen von klar strukturierter Instruktion profitieren. Ergänzend vgl. Kirschner & De Bruyckere (2017), die diese Effekte in technologiegestützten Lernumgebungen empirisch nachweisen. 

 

  • (4) Richard E. Mayer: Lernpsychologische Grundlagen des generativen Lernens. Mayer zeigt, dass nachhaltiges Lernen insbesondere dann gelingt, wenn Lernende Inhalte aktiv verarbeiten, erklären, strukturieren und mit vorhandenem Wissen verknüpfen. Entscheidend ist dabei die kognitive Auseinandersetzung, nicht das verwendete Medium. 


  • (5) Martin Korte: Veröffentlichungen, Interviews und öffentliche Stellungnahmen zu Hirnentwicklung und Neuroplastizität. Korte macht deutlich, dass grundlegende digitale Medienkompetenzen nicht an frühkindliche sensible Phasen gebunden sind und auch später problemlos erlernt werden können. 


  • (6) World Health Organization (WHO): Leitlinien zu Bewegung, sedentärem Verhalten und Schlaf für Kinder unter fünf Jahren. Die WHO empfiehlt, die Bildschirmzeit für Kinder im Alter von zwei bis fünf Jahren auf maximal eine Stunde täglich zu begrenzen; weniger Bildschirmzeit wird als förderlicher angesehen. 


  • (8) Suchtkommission der deutschen kinder- und jugendpsychiatrischen Verbände und Fachgesellschaften (DGKJP, BAG KJPP, BKJPP) (2020):  Positionspapier zu medienbezogenen Störungen im Kindes- und Jugendalter. Evidenzpapier zur Bedeutung steigender Nutzungsintensitäten digitaler Medien, zum Risikopotenzial medienbezogener Störungen und zu Präventions- und Handlungsempfehlungen. 


  • (9), (10) Herrmann, Ulrich (Hrsg.) (2020). Neurodidaktik: Grundlagen für eine Neuropsychologie des Lernens. 3. vollständig überarbeitete Auflage. Beltz Pädagogik. (Beiträge:  Sabina Pauen, „Zeitfenster der Gehirn- und Verhaltensentwicklung: Modethema oder Klassiker?“ und Martin Grunwald, „Homo hapticus“) 


  • (11) Pillinger, C. (2022). The story so far: A systematic review of dialogic reading research. Early Childhood Research Quarterly, 58, 199–214. 


  • (12) UNESCO: Berichte und Stellungnahmen zur frühen Bildung und zur Digitalisierung im Bildungsbereich. Die UNESCO betont, dass der Einsatz digitaler Medien in der frühen Kindheit entwicklungsangemessen erfolgen muss und warnt vor einer unkritischen Übertragung technologischer Lösungen auf frühkindliche Bildungsprozesse.