Lernstrategien und Methoden
Lernen braucht nicht nur Zeit – auch gute Strategien
Kinder lernen nicht allein durch Übung. Wie sie lernen, wie sie mit Inhalten umgehen und wie sie denken, spielt eine entscheidende Rolle.
Lernstrategien und Lernmethoden helfen Kindern dabei, ihr Lernen bewusster zu gestalten.
Sie entwickeln sich schrittweise und benötigen zunächst Begleitung.
Diese Seite möchte erklären, was Lernstrategien und Lernmethoden sind,
wie sie sich unterscheiden und warum sie für nachhaltiges Lernen so bedeutsam sind.
Was dich auf dieser Seite erwartet...
Auf dieser Seite geht es um:
- den Unterschied zwischen Lernstrategien und Lernmethoden
- verschiedene Arten von Lernstrategien
- kognitive Strategien als Denkstrategien
- warum aktives Denken Lernen vertieft
- die Bedeutung von Anstrengung und Abrufen
- konkrete Beispiele für wirksames Lernen im Alltag
Lernstrategien und Lernmethoden – wo liegt der Unterschied?
Im Alltag werden die Begriffe Lernstrategien und Lernmethoden oft gleich verwendet.
Sie meinen jedoch Unterschiedliches.
Lernstrategien beschreiben übergeordnete, bewusste Vorgehensweisen, mit denen Kinder ihr Lernen planen, steuern und reflektieren.
Sie beantworten die Frage:
👉 Wie lerne ich?
Diese Fähigkeiten entwickeln sich schrittweise und benötigen zunächst Begleitung.
Beispiel:
Ein Kind möchte sich auf eine Arbeit im Sachunterricht vorbereiten. Es entscheidet sich bewusst dafür, am Nachmittag zu lernen, weil es sich zu dieser Tageszeit besser konzentrieren kann. Statt alles auswendig zu lernen, verschafft es sich zunächst einen Überblick, notiert die wichtigsten Punkte und bringt sie in eine sinnvolle Reihenfolge.
Lernmethoden sind konkrete Techniken, die innerhalb einer Lernstrategie eingesetzt werden.
Sie beantworten die Frage:
👉 Was genau tue ich beim Lernen?
Beispiel:
Um den Stoff zu strukturieren, zeichnet das Kind eine Mindmap. Das ist eine konkrete Lernmethode.
Lernmethoden sind Werkzeuge – Lernstrategien der Bauplan.
Gibt es die beste Lernmethode?
Die Frage nach der „besten Lernmethode“ ist vergleichbar mit der Frage nach dem besten Werkzeug. Ein Hammer ist nicht besser als ein Schraubenzieher – entscheidend ist, wofür man ihn einsetzt.
Genauso gibt es keine allgemein beste Lernmethode.
Erst die Lernstrategie entscheidet, welches Werkzeug sinnvoll ist und wie wirksam es genutzt werden kann.
Welche Lernstrategien gibt es?
Lernstrategien lassen sich in vier Bereiche unterteilen:
- Kognitive Strategien (Denkstrategien)
- Metakognitive Strategien (über das eigene Lernen nachdenken)
- Ressourcenbezogene Strategien (Hilfe und Hilfsmittel gezielt nutzen)
- Motivationsstrategien (Lust am Lernen entwickeln und dranbleiben)
Da metakognitive, ressourcenbezogene und motivationsbezogene Strategien bereits an anderer Stelle thematisiert wurden, liegt der Fokus hier auf den kognitiven Strategien –also auf den Denkstrategien.
Kognitive Strategien - so lernt das Gehirn
Im Lernprozess greifen verschiedene Denkstrategien ineinander. Besonders nachhaltig lernen Kinder dann, wenn sie Inhalte aktiv weiterdenken und mit ihrem eigenen Wissen verknüpfen.
Im Wesentlichen sind drei kognitive Strategien besonders bedeutsam:
1. Wiederholen
Durch wiederholtes Aktivieren von Informationen werden neuronale Verbindungen gestärkt. Die Verarbeitungstiefe ist jedoch eher gering, es sei denn, das Wiederholen erfolgt aktiv, zum Beispiel durch gezieltes Abrufen des Wissens (siehe weiter unten). Dennoch sind sich wiederholende Lernformen - insbesondere in der Grundschule - eine wichtige Grundlage für weiterführende Denkprozesse.
2. Organisieren
Unser Gehirn liebt Struktur.
Informationen werden besser verarbeitet, wenn sie geordnet, visualisiert und übersichtlich dargestellt sind – etwa durch Skizzen, Tabellen oder Bilder. Das entlastet das Arbeitsgedächtnis und schafft Klarheit. Organisierende Strategien unterstützen Kinder dabei, Zusammenhänge zu erkennen und bereiten komplexere Denkprozesse vor.
3. Elaborieren und Verknüpfen
Neues Wissen wird besonders gut behalten, wenn es mit bereits Bekanntem – also mit Vorwissen – verknüpft wird.
In der Lernpsychologie spricht man hier von generativem Lernen: Kinder nehmen Wissen nicht nur auf, sondern erzeugen aktiv Bedeutung, indem sie Vorwissen aktivieren, Vergleiche ziehen und eigene Beispiele entwickeln.
Diese Form der Verarbeitung gilt als besonders wirksam, stellt jedoch erhöhte Anforderungen an Vorwissen, Sprachfähigkeit und Denkprozesse.
In der Grundschule muss generatives Lernen daher gezielt angeleitet und schrittweise aufgebaut werden. So wird Wissen tiefer verarbeitet und nachhaltiger gespeichert.
Beispiele für generatives Lernen im Alltag
Generatives Lernen zeigt sich in vielen einfachen Lernaktivitäten, die insbesondere in der Grundschule angeleitet, strukturiert und gemeinsam reflektiert werden, bei denen Kinder Inhalte aktiv weiterverarbeiten, zum Beispiel:
- ein eigenes Lernquiz mit Fragen zum Thema erstellen
- eine Zusammenfassung in eigenen Worten schreiben oder mündlich erklären
- Lerninhalte jemand anderem erklären (Eltern, Geschwister oder Freunden)
- ein Zeichnung zu einem Thema anfertigen und einen Sachverhalt jemandem erklären
- ein Erklärvideo anfertigen
- über typische Probleme oder Aufgaben nachdenken und eigene Lösungswege entwickeln
- Fehler erklären oder falsche Lösungen analysieren
- neue Inhalte mit bekannten Alltagssituationen vergleichen oder passende Analogien entwickeln
- ein Lapbook/Lernplakat/Quadrama/Flipbook etc. gestalten (in dem Inhalte ausgewählt, strukturiert und in eigenen Worten dargestellt werden)
Warum gute Lernstrategien so wichtig sind
Gute Lernstrategien helfen dabei, Informationen besser zu enkodieren.
Enkodierung bezeichnet den Prozess, bei dem neue Inhalte so verarbeitet werden, dass sie für die spätere Speicherung im Gehirn geeignet sind.
Entscheidend ist dabei weniger die Information selbst als die Art und Tiefe der kognitiven Verarbeitung.¹
Je besser Kinder neue Inhalte ordnen, erklären, vergleichen oder anwenden, desto leichter können diese im Gedächtnis verankert und später wieder abgerufen werden.
Abrufen - Lernen durch Erinnern
Nachdem Informationen aufgenommen (enkodiert) und gefestigt (konsolidiert) wurden, müssen Kinder sie auch gezielt wiederfinden können. Dieser Prozess heißt Abruf.
Abruf ist ein aktiver Vorgang und man versucht dabei, Wissen aktiv wiederzufinden. Kinder „durchforsten“ das Gehirn nach den passenden Inhalten – und je besser die Enkodierung und Konsolidierung waren, desto leichter fällt das.
Aktives Abrufen ist ein besonders gutes Beispiel dafür, wie Lernen funktioniert. Um zu verstehen, warum diese Methode so wirksam ist, lohnt sich jedoch zunächst ein Blick auf ein zentrales Merkmal erfolgreichen Lernens: kognitive Anstrengung.
Warum Anstrengung beim Lernen hilfreich ist
Lernen fühlt sich für viele Kinder – und auch für Eltern – oft anstrengend an. Häufig entsteht daraus der Eindruck, dass das Lernen nicht gut läuft. Tatsächlich ist jedoch oft das Gegenteil der Fall.
Anstrengung ist ein wichtiges Zeichen dafür, dass das Gehirn aktiv arbeitet. Das gilt nicht nur beim Abrufen von Wissen, sondern auch dann, wenn Kinder versuchen, Zusammenhänge zu verstehen, neue Inhalte zu durchdenken oder Wissen miteinander zu verknüpfen. Genau diese geistige Arbeit führt dazu, dass Inhalte tiefer verarbeitet und nachhaltiger gespeichert werden.
Ein angemessenes Maß an kognitiver Anstrengung fördert stabile Wissensstrukturen. Mühe ist hier kein Warnsignal, sondern ein Hinweis darauf, dass Lernen wirksam stattfindet. Entscheidend ist dabei, dass Lernanforderungen fordern, ohne zu überfordern.
Überforderung liegt vor, wenn Kinder den Überblick verlieren, Zusammenhänge nicht mehr erkennen oder trotz Unterstützung keine Fortschritte machen.
Lernwirksame Anstrengung zeigt sich dagegen darin, dass Kinder nachdenken, Fehler machen und mit gezielter Hilfe Schritt für Schritt weiterkommen.
Umgekehrt kann sich Lernen, das sich sehr leicht und flüssig anfühlt, als trügerisch erweisen. Wiederholtes Lesen oder bloßes Durchgehen von Stoff erzeugt schnell ein Gefühl von Sicherheit, ohne dass Inhalte wirklich tiefer verstanden oder später zuverlässig abrufbar sind. In der Lernpsychologie spricht man hier von einer Lernillusion.²
Wichtiger Unterschied: Lesen lernen und Lernen durch Lesen
Ein wichtiger Hinweis zum Lesen:
Wiederholendes Lesen ist für den Aufbau der Lesefähigkeit unverzichtbar!
Kinder müssen Wörter und Satzstrukturen automatisieren, um flüssig lesen und Texte verstehen zu können.
Geht es jedoch darum, Inhalte langfristig zu behalten, reicht bloßes Wiederlesen allein meist nicht aus.
Dann braucht Lernen aktive Denkprozesse wie Abrufen, Erklären oder Anwenden.³
Mühe macht den Meister
Nachhaltiges Lernen fühlt sich daher oft etwas „holprig“ an. Diese erwünschte Schwierigkeit sorgt dafür, dass Wissen nicht nur oberflächlich aufgenommen, sondern langfristig verfügbar bleibt – oder anders gesagt: Mühe macht den Meister.⁴
Wird Lernen dauerhaft stark vereinfacht oder vor allem auf Leichtigkeit ausgerichtet, kann dies unbeabsichtigte Nebenwirkungen haben. Kinder erleben Lernen dann vor allem als konsumierbare Aktivität. Die Erwartung entsteht, dass Lernen sich stets leicht anfühlen muss. Später notwendige Anstrengung wird in solchen Fällen nicht als Teil des Lernens verstanden, sondern als Überforderung oder Zumutung.
Aktives Abrufen ist dabei eine besonders wirksame Form des Lernens, aber nicht die einzige. Auch das aktive Nachdenken, das Erklären von Zusammenhängen und das eigenständige Problemlösen profitieren von genau dieser produktiven Anstrengung.
Praktische Abrufstrategie
- Aktives Abfragen
Kinder fragen sich selbst oder erklären anderen, was sie gelernt haben.
Beispiel: „Ich erkläre dir nun, was man bei einer Reizwortgeschichte beachten muss."
Aktives Abfragen + Verteiltes Wiederholen
Eine besonders wirksame Methode ist die Kombination aus aktivem Abfragen und zeitlich versetztem Wiederholen:
Informationen werden über mehrere Tage in kurzen Einheiten wiederholt.
Beispiel: Lernen mit Karteikarten
Auf jede Karteikarte kommt vorne eine klare Frage und hinten eine kurze Antwort. Bilder oder Symbole können das Lernen zusätzlich unterstützen.
Ein mögliches Wiederholsystem:
- Fach 1: täglich
- Fach 2: alle 3 Tage
- Fach 3: einmal pro Woche
- Fach 4: alle 2 Wochen
Ablauf:
- Frage lesen
- Antwort aus dem Kopf abrufen
- erst danach die Karte umdrehen
👉 Dieser Schritt ist entscheidend – reines Lesen bringt wenig.
- Richtig erinnert? → Karte wandert ein Fach weiter nach hinten
- Falsch erinnert oder unsicher? → Karte zurück in Fach 1
Früh üben lohnt sich
Kinder, die bereits in der Grundschule lernen, wie sie gezielt vorgehen, profitieren besonders. Hier legen sie den Grundstein für tragfähige Lerngewohnheiten.
Kognitive Strategien wirken am besten, wenn sie in eine durchdachte Lernroutine eingebettet sind, also zusammen mit Lernplanung und Motivation.
Was Eltern daraus mitnehmen können...
Lernstrategien helfen Kindern, ihr Lernen bewusster zu gestalten.
Dabei geht es nicht um möglichst viele Methoden, sondern um passende Vorgehensweisen.
Eltern können unterstützen, indem sie:
- unterschiedliche Lernwege zulassen
- Nachdenken und Erklären ermutigen
- Anstrengung als Teil des Lernens anerkennen
Entscheidend ist, dass Kinder verstehen, wie sie lernen und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten entwickeln.
FAQ
Ab welchem Alter können Kinder Lernstrategien anwenden?
Muss mein Kind viele Lernmethoden beherrschen, um erfolgreich zu lernen?
Warum lernen manche Kinder trotz viel Lernzeit scheinbar wenig?
Wie erkenne ich, ob eine Lernstrategie wirklich hilft – oder nur oberflächlich genutzt wird?
Mein Kind lernt am liebsten mit Lern-Apps – ist das eine gute Vorbereitung auf Klassenarbeiten?
Quellen und weiterführende Hinweise
- (1) Vgl. Daniel T. Willingham (2009): Why Don’t Students Like School? Jossey-Bass. Willingham zeigt, dass nachhaltiges Behalten weniger von der Häufigkeit der Darbietung als von der Tiefe der kognitiven Auseinandersetzung mit Lerninhalten abhängt.
- (2) Bjork, R. A. & Bjork, E. L. (2011). Making things hard on yourself, but in a good way: Creating desirable difficulties to enhance learning. Robert A. Bjork beschreibt in der Lernpsychologie, dass Lernprozesse besonders wirksam sind, wenn sie kognitive Anstrengung erfordern („desirable difficulties“). Leichtes, flüssiges Lernen kann dagegen zu Lernillusionen führen.
- (3) Dunlosky, J. et al. (2013). Improving Students’ Learning With Effective Learning Techniques. Psychological Science in the Public Interest.
- (4) Brown, P. C., Roediger III, H. L. & McDaniel, M. A. (2019): Das merk ich mir! Erfolgreiches lernen (...). Goldmann, München.